Als das Trauzimmer zum Klassenraum wurde

30.04.2021

Reinhard Sicking, Schulleiter des heutigen Caritas Bildungszentrums für Pflege und Gesundheitzoom
Reinhard Sicking, Schulleiter des heutigen Caritas Bildungszentrums für Pflege und Gesundheit

Ahaus-Wessum - Die Zeiten, als sich Wessumer an der Wesheimstraße 41 das Ja-Wort gaben, sind schon lange vorbei. Das frühere Trauzimmer des Alten Amtshauses fungiert heute als Klassenraum. „Manche erkennen es noch wieder, wenn sie uns besuchen“, sagt Reinhard Sicking. Der 57-Jährige ist Schulleiter des heutigen Caritas Bildungszentrums für Pflege und Gesundheit.

1981 startete der Schulbetrieb des „Fachseminars für Altenpflege“ in Trägerschaft des damaligen Caritasverbandes Ahaus. Seit 40 Jahren werden in Wessum staatlich anerkannte Pflegekräfte ausgebildet. „Die Nachfrage, nicht nur örtlich, war recht groß“, berichtet Reinhard Sicking von den Anfängen. Fast aus dem gesamten Kreisgebiet und darüber hinaus kamen die Schüler. Ende der 80er-Jahre begann die Expansion – in Absprache mit örtlichen Caritasverbänden. 1989 eröffnete in Rhede eine Nebenstelle, im Jahr darauf folgte eine Nebenstelle der Schule in Rheine. „Weil die Standorte in Rhede und Rheine schnell genauso groß wurden wie Wessum, sind sie dann verselbstständigt worden.“ Der Caritasverband blieb aber Träger. Die Expansion ging weiter.

Rhede eröffnete eine Dependance in Dorsten, die sich kurz darauf selbstständig machte. Rheine eröffnete eine Nebenstelle in Ibbenbüren, die heute auch eigenständig ist. Weitere Pflegeschulen in Oer-Erkenschwick, Borken (Nebenstelle von Rhede) und Emsdetten (Nebenstelle von Rheine) kamen dazu. Heute sind unter dem Dach des Caritas Bildungswerkes Ahaus insgesamt acht Bildungszentren für Pflege und Gesundheit zusammengefasst. Gut 1300 Schüler besuchen die Einrichtungen. „Ich finde, das ist eine stolze Zahl“, sagt Reinhard Sicking. In erster Linie werden im Zuge der neuen generalistischen Pflegeausbildung Pflegefachmänner und -frauen ausgebildet. Der Ausbildungsberuf bündelt die Ausbildungen zum Gesundheits- und Krankenpfleger, zum Altenpfleger und zum Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger. Hinzu kommen Pflegefachassistenten, die ebenfalls in Wessum ausgebildet werden. Die Auszubildenden kommen von örtlichen und überörtlichen Pflegeeinrichtungen; aus der stationären Langzeitpflege sowie der ambulanten Akut- und Langzeitpflege.

„Prinzipiell kann jeder die Beschule besuchen – wenn er die Voraussetzungen erfüllt“, erklärt Reinhard Sicking. Für die generalistische Pflegeausbildung ist ein mittlerer Schulabschluss erforderlich, „und man muss persönlich geeignet sein. Das hört sich locker an, aber es steckt mehr dahinter, als man glaubt.“ Auszubildende müssten Interesse am Menschen haben, „und an der Pflege und Fürsorge der Menschen. Das ist nicht selbstverständlich. Nicht jeder kann pflegen, auch wenn das mal ein Politiker gesagt hat.“

Zweimal im Jahr startet am Bildungszentrum in Wessum die Ausbildung zur examinierten Pflegefachkraft. Die Schule arbeitet trägerübergreifend mit über 70 Kooperationspartnern zusammen, um den Pflegenachwuchs sicherzustellen. Es gibt auch angehende Azubis, die sich für einen Ausbildungsplatz direkt an das Bildungszentrum wenden. „Dann werden wir als Koordinator tätig“, erläutert der Schulleiter. Als Reinhard Sicking seine berufliche Laufbahn in der Pflege begann, mussten Schüler noch Schulgeld zahlen. „Eine Ausbildungsvergütung gab es nicht.“ Dann kam eine Zeit, in der die Schüler nichts zahlen mussten, aber auch nichts bekamen. „Heute bekommen sie eine vernünftige Ausbildungsvergütung“, berichtet Reinhard Sicking, wie sich die Finanzierung der Pflegeausbildung verändert hat.

Ebenso deutlich verändert hat sich durch die generalistische Pflegeausbildung die Zahl der pädagogischen Mitarbeiter des Bildungszentrums. In der früheren Altenpflegeausbildung war nicht geregelt, wie viele hauptamtliche Pädagogen für die Ausbildung einzusetzen sind. „Jetzt, mit der Generalistik, ist es gesetzlich vorgeschrieben: pro 25 Teilnehmer gibt es eine hauptamtliche pädagogische Vollzeitkraft.“ Für das Caritas Bildungszentrum in Wessum bedeutet das: statt vier sind jetzt acht pädagogische Mitarbeiter tätig. „Den anderen Bildungszentren ging es ähnlich, überall wurde aufgestockt.“ Wobei es gar nicht so einfach war, qualifiziertes Personal zu bekommen. Pädagogische Mitarbeiter wurden zum Teil schon während ihres Studiums akquiriert.

Reinhard Sicking ist seit 1990 hauptamtlich beim Caritas Bildungswerk. 1989 begann er als Honorarkraft, „parallel zu meiner Tätigkeit als Pflegedienstleiter in der ambulanten Pflege in Stadtlohn.“ Doch schon bald merkte Reinhard Sicking, dass er nicht beide Aufgaben auf Dauer würde erfüllen können. Er entschied sich, als hauptamtlicher Mitarbeiter an das Fachseminar in Rhede zu wechseln. „Seitdem bin ich dem Bildungswerk treu geblieben.“ 25 Jahre in Rhede, seit 2015 in Wessum. An der Wesheimstraße ist der Schulleiter vor allem mit organisatorischen Dingen befasst. Er kümmert sich unter anderem um die Kooperationen mit den Pflegeeinrichtungen, um das Personalmanagement, die Kursorganisation und die betriebswirtschaftliche Führung. „Mengenmäßig meine fast geringste Aufgabe ist der Unterricht. Das ist eigentlich schade, denn mit dem Unterricht bin ich in Rhede gestartet.“

Theorie und Praxis. Zwei Bereiche, die seit dem 16. März 2020 und dem Beginn der Pandemie-Beschränkungen neu ausgelotet werden mussten. Zu Beginn ersetzte die praktische Arbeit den theoretischen Teil der Ausbildung. Dann folgte eine räumliche Entzerrung der Schüler. Das Bildungszentrum durfte das Dorfgemeinschaftshaus in Wessum als Unterrichtsort nutzen, auch die Freiwillige Feuerwehr Wessum stellte Räumlichkeiten zur Verfügung. „Das war schon eine tolle Hilfe, so konnten Abstände von mehr als zwei Metern gewährleistet werden.“ Corona hat dafür gesorgt, dass das Thema „Hygiene“ im Lehrplan eine deutliche Aufwertung erfuhr. „Wir haben ganze Unterrichtseinheiten dazu ausgearbeitet und in den Unterricht gebracht.“

Aufgrund weiterer Pandemie-Beschränkungen stellte das Bildungswerk mit sehr viel Flexibilität und kurzen Entscheidungswegen den Unterricht auf „digital“ um. Die hauseigene E-Learning-Plattform half dabei, eine Kommunikations-Software ebenso. „Wir haben es in sehr kurzer Zeit geschafft, dass 90 Prozent des Unterrichts als Homeschooling angeboten werden.“ Die Schüler schätzen den interaktiven Unterricht und den Austausch untereinander und mit dem Dozenten. „Aber Präsenzunterricht kann dadurch auf Dauer nicht ersetzt werden. Die Stimmung in einem Kurs erfährt man nicht über einen Bildschirm.“ Ganz zu schweigen von den Erfahrungen, die die Auszubildenden bei gemeinsamen Exkursionen oder Kursfahrten machen.

[Das Caritas Bildungswerk in Ahaus ist seit 40 Jahren in der Aus- und Fortbildung staatlich anerkannter Pflegekräfte tätig. Der Ursprung liegt im „Fachseminar für Altenpflege“ in Ahaus-Wessum. In mehreren Folgen berichten wir über die Einrichtung, Mitarbeiter, Aufgaben und Perspektiven. Den Auftakt machte Reinhard Sicking, Schulleiter des Caritas Bildungszentrums für Pflege und Gesundheit in Ahaus.]

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Kontakt

Caritas Bildungswerk Ahaus
Wesheimstr. 41
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