Caritas Bildungszentrum Rheine: Schulleiterin Petra Berger geht in den Vorruhestand:Stillstand war nie ihre Sache

Als Petra Berger 1988 an der Caritas-Pflegeschule in Wessum ankam, hatte sie weder einen Termin noch Bewerbungsunterlagen dabei. Warum sie in der Provinz statt in der Großstadt landete, kann sie sich bis heute nicht erklären. Eigentlich wollte die Rheinenserin nur Bücher in Münster tauschen. Dass dieser ungeplante Abstecher ihren beruflichen Weg bestimmen würde, ahnte sie damals nicht.
Nach dem Abitur 1982 hatte sie Philosophie und Germanistik studiert. Sie wollte Lehrerin werden, doch Ende der 1980er-Jahre waren die Aussichten für angehende Lehrkräfte schlecht. Das Stichwort lautete „Lehrerschwemme“. Lange Wartezeiten bis zum pädagogischen Examen standen im Raum. Zugleich veränderte eine persönliche Erfahrung ihren Blick auf das Leben: Ihre Mutter erkrankte im Alter von 54 Jahren an Alzheimer. Petra Berger begann, ihren beruflichen Weg zu überdenken.
Einstieg in den Beruf
Egbert Hasebrock, der damalige Schulleiter an der Pflegeschule in Ahaus-Wessum, war zunächst wenig begeistert von der unangekündigten Besucherin ohne Unterlagen. Doch er schickte sie für ein Praktikum ans Marienstift nach Rheine. Dort lernte Berger verschiedene Seiten der Pflege kennen. Die Arbeit forderte und berührte sie. Nach sechs Wochen kam der Anruf: Sie konnte zum 1. April 1988 ihre Ausbildung beginnen. Aus dem ungeplanten Besuch wurde der Einstieg in einen Beruf, der sie bis heute begleitet.
Nach der Ausbildung absolvierte Berger ihr Anerkennungsjahr und studierte Gerontologie in Vechta. Zeitgleich arbeitete sie zwei Jahre im Marienstift als Pflegefachkraft. 1992 begann sie, an der neuen Caritas-Pflegeschule in Rheine zu unterrichten. Als einzige hauptamtliche Pflegelehrerin musste sie praktisch den gesamten Unterricht abdecken. Dass sie den Dingen gerne auf den Grund geht, zeigte sich schon damals: Berufsbegleitend folgten mehrere Studienabschlüsse im Sozialmanagement. Vier Jahre später, 1996, übernahm Petra Berger schließlich die Schulleitung des Caritas Bildungszentrums Rheine. Unbedingt ausgesucht hatte sie sich diese Aufgabe nicht. Es ging um die Frage, wer Verantwortung übernehmen sollte. Berger sprach mit ihrem Team und sagte zu. Ihr trockener Kommentar damals: „Dann wissen wir wenigstens, wer hier ist.“
Die Schule, die sie übernahm, war mit dem heutigen Bildungszentrum kaum zu vergleichen. Die Pflegeausbildung war weniger professionalisiert, Abläufe waren nicht so klar geregelt, und das Geld war knapp. Berger musste improvisieren, organisieren und neue Wege finden. Sie suchte nach Möglichkeiten, die Arbeit weiterzuentwickeln und zusätzliche Einnahmen zu erschließen. Als sie für eine Krankenkasse einen Kurs für pflegende Angehörige organisierte und dafür 700 D-Mark aushandelte, war sie ausgesprochen stolz. Es war kein großer Betrag, aber ein Erfolg, den sie selbst erarbeitet hatte.
"Bunt. Groß. Engagiert."
Heute steht das Bildungszentrum auf einer anderen Grundlage. Die Finanzierung der Ausbildungsplätze hat sich verbessert, die Schule ist gefragt und arbeitet mit der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter zusammen. Auch das NRW-Gesundheitsministerium nutzt Bergers Erfahrung, etwa bei Fragen zur Ausbildung in der Pflegefachassistenz. Dass sich das Bildungszentrum über die Jahre gegen Wettbewerber behauptet hat, bedeutet ihr viel. Wenn sie ihre Schule mit drei Worten beschreiben soll, sagt sie: „Bunt. Groß. Engagiert.“
Was ihr bei ihrer Arbeit besonders wichtig war, zeigt sich in den Rückmeldungen ehemaliger Auszubildender. Eine gute Pflegekraft braucht Fachwissen. Sie muss Blutdruck messen, Wunden versorgen und in schwierigen Situationen professionell handeln können. Für Berger gehört aber noch etwas dazu: die Fähigkeit, einem anderen Menschen wirklich zu begegnen. Wenn ehemalige Auszubildende ihr erzählen, dass sie sich während ihrer Zeit an der Schule nicht nur fachlich, sondern auch persönlich weiterentwickelt haben, freut sie das besonders. „Fachwissen kann man vermitteln“, erklärt sie. „Aber wie jemand einem anderen Menschen begegnet, das lässt sich nicht einfach unterrichten.“
Wer mit ihr gearbeitet hat, kennt auch ihre unermüdliche Suche nach neuen Ideen. Manchmal kommen ihr die Einfälle morgens beim Zähneputzen. Dann steht sie im Büro und hat schon wieder etwas im Kopf, das sie verändern oder ausprobieren möchte. Ihre Kolleginnen und Kollegen verdrehen darüber gelegentlich die Augen. Berger erzählt das lachend. Sie weiß, dass ihre Ideenfülle nicht immer bequem ist. Stillstand war nie ihre Sache. Ihre Mitarbeitenden würden sie wohl als fordernd, präsent und richtungsgebend beschreiben. Berger erwartet Einsatz und Verlässlichkeit. Arbeit soll für sie nicht nur ein Broterwerb sein, sondern auch mit persönlichem Engagement verbunden werden. Zugleich weiß sie, dass eine Leitung nicht alles selbst wissen und erledigen kann. Sie muss anderen vertrauen, Verantwortung teilen und den Überblick behalten. Dazu gehört für Petra Berger auch, sich selbst ein Bild zu machen, statt sich allein auf Berichte zu verlassen.
"Aus dem Nichts"
Dass sie schwierige Zeiten nicht allein bewältigen musste, verdankt sie nach eigener Aussage auch ihrem Team. Die Verlässlichkeit der Mitarbeitenden habe ihr Kraft gegeben. Nicht jede Idee sei aufgegangen, nicht jedes Vorhaben gelungen. Rückblickend würde sie ihre Entscheidungen trotzdem wieder treffen. Jede einzelne habe dazu beigetragen, dass die Schule heute dort stehe, wo sie steht. Für ihre Nachfolge hat Berger keinen fertigen Bauplan. Ihr Rat: „Augenmaß bewahren, auch einmal einen Schritt zurücktreten, die Lage neu betrachten und dann Entscheidungen treffen, die sich begründen lassen.“ Wer eine Schule leitet, müsse nicht auf alles sofort eine Antwort haben. Dabei hat ein Buch Petra Berger in ihrem Denken besonders geprägt: „Aus dem Nichts“ von Gerd Binnig. Es geht ihr um die Möglichkeit, dass aus schwierigen, scheinbar ausweglosen Situationen neue Wege entstehen können. Auch sie selbst hatte ursprünglich andere Pläne. Dann kam alles anders.
Im Privatleben ist Petra Berger nach eigener Einschätzung deutlich zurückhaltender als im Beruf. Sie sei eher ruhiger und weniger darauf bedacht, im Mittelpunkt zu stehen. Wer sie als Schulleiterin erlebt hat, könnte sich darüber wundern. Im Berufsalltag trifft sie klare Entscheidungen und bringt neue Ideen voran. Privat schaltet sie gern einen Gang zurück. Auf den Ruhestand freut sie sich deshalb nicht mit einer langen Liste neuer Aufgaben. Sie freut sich auf Zeit: auf Tage ohne Termine, Tabellen und Entscheidungen.
Excel-Listen und die vielen kleinen Verpflichtungen des Alltags werde sie nicht vermissen, sagt sie. Langweilig werde ihr aber bestimmt nicht. Nach 34 Jahren beim Caritas Bildungswerk und drei Jahrzehnten an der Spitze des Bildungszentrums darf der Kalender leerer werden. Vielleicht muss auch nicht mehr jede neue Idee sofort in die Tat umgesetzt werden. Was würde sie ihrem 25-jährigen Ich zum Schluss mit auf den Weg geben? Petra Berger muss nicht lange überlegen: „Geh kess voran.“ Das hat sie fast 40 Jahre lang getan. Jetzt dürfen andere in ihre Fußstapfen treten.